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tinius - 13:52

Natürlich gibt es eine "offizielle" Definition dessen, was ein Blog ist oder laut einigen Menschen sein soll. Erfahrungsgemäß treffen Definitionen nur selten die gelebte - oder hier : geschriebene - Realität. Ursprünglich war ein Blog ein Netz - Tagebuch, das mittels Verlinkungen auf Inhalte und Diskurse im Internet aufmerksam machte, die der jeweilige Blogger gefunden hatte. Die beiden weiteren sozialen Komponenten waren die Kommentarmöglichkeit, mit der auch die Leser in den Diskurs einbezogen werden konnten, und die Möglichkeit des Trackbacks, mit der Inhalte in fremde Gefilde überführt und neuen Lesern zugänglich gemacht werden konnten. Recht schnell entdeckten auch Menschen mit politischen Interessen und eigener Meinung diese Art des CMS (ContentManagementSystems) für sich, da politische Ereignisse und Entwicklungen sich selten auf einmalige Schlagzeilen beschränkten, sondern sich als lineare Entwicklung über lange Zeit ausdehnten. Die Kommentarfunktion erfüllte in diesem Sinne zudem die Anforderungen an pluralistisch - demokratische Strukturen, auch wenn man vermuten darf, daß sich vor allem eher Gleichgesinnte zu einer Leser - und Kommentatorengemeinde zusammenfanden. In den USA und einigen weniger demokratischen Staaten bildete sich (zumindest solange die Zensur sie gewähren ließ) eine Art Gegenöffentlichkeit und privater Journalismus, dessen Anforderungen denen des professionellen Journalismus in den Grundzügen glichen : Wahrheit, Nachprüfbarkeit, Quellenangaben, eine gewisse stilistische Gestaltung und Beachtung fremder Urheberrechte etc.
Die weitere Demokratisierung des Mediums Blog durch Bloghoster, die ihre Dienstleistung gratis und mit Modifikationen in der Gestaltung (Templates, Module) als Gesamtpaket anboten, hat die Spielarten des "Blogs" ins Unendliche variiert und damit die enge Definition "Blog" wohl obsolet gemacht. In meiner Überzeugung ist "Blog" nur noch ein Medium für unterschiedlichste Inhalte und Intentionen : vom Tagebuch über Homepage - Ersatz (hier zählen vor allem die nur minimal benötigten HTML - Kenntnisse) bis zu themenzentrierten Seiten (wie etwa meine). Mehrheitlich haben sie die Kommentar - und Kommunikationsmöglichkeit und eine recht regelmäßige Aktualisierung gemeinsam, auch wenn es Ausnahmen gibt.
Ich denke, ein online - Tagebuch unterscheidet sich von einem privat gehaltenen durch einen gewissen Exhibitionismus und durch verschiedene Gestaltungs - und Filtermechanismen : der Aspekt der Selbstdarstellung ist online erheblich größer als im privaten Tagebuch, denn zum einen ist es auf eine Öffentlichkeit hingeschrieben, zum anderen geht es darum, Bestätigung zu erfahren, sei es durch Leserzahlen oder Kommentare (beides gilt auch mit Sicherheit für themenzentrierte Blogs, denn ohne Öffentlichkeit wären sie unnötig). Allerdings scheint mir in Tagebüchern der Wunsch nach Bestätigung direkter und auf Bildung von peer - groups angelegt, während ich mit meinem Themen - Nischen - Blog ;) die Erfahrung gemacht habe, daß sich Kommentare meist in Grenzen halten, dafür Leserzahlen, Verlinkungen etc. einen größeren Stellenwert haben. Und ich muß gestehen, daß sie mir wichtig sind. ;)
Bliebe noch zu klären, ob es eine (wissenschaftliche) Begriffsbestimmung geben muß. Meine unverbindliche Antwort lautet "nein", zumindest sofern es um inhaltliche Aspekte geht, da sich lebendige Entwicklungen eh selten an vorgegebene Definitionen und Maßstäbe zu halten pflegen, "ja", wenn es um die kommunikativen Gesichtspunkte und um die Gegenüberstellung zu klassischen Medien (wie Zeitungen, TV etc) geht. Und "ja", wenn man sich mit Wirkung und Perspektiven des Mediums "Blog" beschäftigen will oder muß. Und natürlich "ja", wenn man denn das Phänomen "Blog" akademisch faßbar machen will, damit es zum universitären Inhalt werden kann. ;)
Ich entschuldige mich für den langen Kommentar, aber aufgrund der Themengebundenheit ist mein Blog ungeeignet, "fachfremde" Inhalte als Eintrag aufzunehmen.

wort-wahl - 09:21

bitte, entschuldigen sie sich nicht. lange kommentare sind erwünscht und bei dieser thematik mitunter unerlässlich.

ihre ausführungen zur geschichte des blogs sind mir bekannt. ich danke ihnen für die verschriftlichung, ich bin da einfach zu faul für (und in mitleidenschaft gezogen durch universitären erklärungszwang. ; )

eben die kommunikativen gesichtspunkte sind es, die den reiz einer wissenschaftlichen auseinandersetzung mit dem thema in sich bergen. linguistisch gesehen müssen gewisse aspekte des www in den diskurs aufgenommen und bearbeitet werden - nachdem man sich in fachkreisen mittlerweile schon ausreichend über email-, chat- und newsgroup-kommunikation kümmert, hinken die arbeiten über blogs immer noch ein wenig hinterher.

meine gedanken um das thema sind dem versuch geschuldet, sich dem allgemeinen irrglauben zu widersetzen, blogs seien grundsätzlich online-tagebücher. diese definition findet man eben auch nur allzu häufig in fachlichen schriften. dass die übersetzung des wortes 'weblog' aber 'netzlogbuch' ist, entgeht dabei sogar hochgradig wissenschaftlichen abhandlungen.

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